Cliff Burton: Metallicas Visionär

Wer in diesen Tagen Einlass zur privaten Maxwell Ranch in Kalifornien erhält, darf sich dem verstorbenen Metallica-Bassisten Cliff Burton so nah wie nur wenige Menschen auf diesem Planeten fühlen. Denn auf der Ranch wurde Burtons Asche verstreut, zehn Tage nach seinem tragischen Unfalltod während der 1986er-Tournee seiner Band. Hierher hatte sich der Musiker früher mehrfach zum Entspannen und Song-Schreiben zurückgezogen. Burton wurde nur 24 Jahre alt. Eine offizielle Grabstelle, an der sich seine Anhänger in Gedenken an ihn versammeln könnten, existiert nicht.
Stattdessen pilgern viele Fans zu einem im September 2006 enthüllten Gedenkstein nahe der Unfallstelle in Südschweden. In das Ehrenmal ist ein Burton-Zitat eingearbeitet, das Metallica auf ihrem ’88er-Album …AND JUSTICE FOR ALL für den Instrumental-Song ‘To Live Is To Die’ verwendet haben: „Cannot the kingdom of salvation take me home“, frei übersetzt „Kann mich das Himmelreich nicht nach Hause holen“. Eine weitere Gedenkplakette befindet sich an der Marshall Elementary School in Castro Valley, die Burton als Kind besucht hat.
Der Veto-Mann
Cliff Burton war der wohl wichtigste Bassist der Metallica-Karriere, ein ungewöhnlich begabter Visionär, der die größten wirtschaftlichen Erfolge der Gruppe zwar nicht mehr miterleben durfte, ihren Sound, ihr Spiel und ihr Songwriting jedoch weitaus stärker geprägt hat als seine Nachfolger Jason Newsted und Rob Trujillo. „Cliff hatte genaue Vorstellungen davon, wie ein Song klingen muss. Wenn er sein Veto einlegte, wurde die Idee sofort und ohne Diskussion verworfen“, erinnert sich Metallica-Boss James Hetfield an seinen talentierten Band-Kollegen. Ähnliches weiß auch Flemming Rasmussen zu berichten, Produzent der Scheiben RIDE THE LIGHTNING (1984) und MASTER OF PUPPETS (1986), an denen Burton beteiligt war: „In dieser Band passierte nichts, bevor Cliff nicht sein ausdrückliches Einverständnis gegeben hatte.“
Hetfield fügt ergänzend hinzu: „Er kannte sich in Harmonielehre bestens aus. Von ihm habe ich enorm viel über das Zusammenspiel gelernt.“ Natürlich stellen sich viele Metallica-Fans die Frage: Würde ihre Lieblings-Band anno 2026 grundlegend anders klingen, wenn Burton noch immer dabei wäre? Die Antwort ist eindeutig: Ja, würde sie! Denn auch wenn Newsted und Trujillo wichtige Beiträge zu Metallica-Produktionen beigetragen haben, dermaßen ungewöhnlich, vielseitig und einflussreich wie Burton sind seine Nachfolger definitiv nicht.
Tragischer Tod
Rückblick: Als am 27. September 1986 der Tourbus von Metallica während der „Damage, Inc.“-Tour auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen in der Nähe der schwedischen Kleinstadt Dörarp von der Straße abkommt und sich mehrfach überschlägt, wird Burton aus dem Fahrzeug geschleudert und darunter eingeklemmt. Noch am Unfallort erliegt er seinen schweren Verletzungen. Für Cliff besonders tragisch: Er schlief in der Koje, die eigentlich für Lead-Gitarrist Kirk Hammett vorgesehen war. Doch unmittelbar vor Reiseantritt hatten sich die beiden Band-Kollegen per Losentscheid zu einem Tausch entschieden, mit fatalen Folgen für den Bassisten. Hammett übersteht den Crash weitestgehend unverletzt, seinen Kollegen kostet er das Leben.
Natürlich untersucht die Polizei den Unfall, schließt auch Alkohol oder Drogen als Ursache zunächst nicht aus. Der Fahrer des Unglücksbusses, dessen Name nie offiziell bekannt wird, behauptet, plötzlich aufgetretenes Glatteis habe das Fahrzeug ins Schlingern gebracht. Für eine derartige Begründung finden sich vor Ort allerdings keinerlei Hinweise. Da dem Mann kein offensichtliches Fehlverhalten nachgewiesen werden kann, wird keine Anklage erhoben.
Vom Klavier zum Bass
Geboren wird Cliff Burton am 10. Februar 1962 in Kalifornien als jüngstes von drei Geschwistern. An einem College in San Francisco fängt er schon früh an, Klavier zu spielen; mit 14 wechselt er zum Bass. Seine Kenntnisse als Pianist wirken sich auch auf sein Bassspiel aus: Anstatt nur Grundtöne zu zupfen, streut er kleine Arpeggien, Skalen und Akkordtöne ein, steuert den Songs eigenständige Melodien bei und agiert quasi – neben Hetfield und Kirk Hammett beziehungsweise (bis 1983) Dave Mustaine – wie ein dritter Gitarrist der Gruppe. Zudem schlägt Burton die Saiten ausschließlich mit den Fingern an – ganz im Gegensatz zu den meisten Metal-Bassisten, die den härteren Attack eines Plektrums bevorzugen – und baut in sein Spiel immer wieder komplexe Tappings ein.
Eine Technik, die man ansonsten eher von Lead-Gitarristen kennt. Der Amerikaner ist erklärtermaßen Fan von Black Sabbath, Rush und ZZ Top, aber auch von klassischen Komponisten wie Beethoven oder Bach. Auch das beeinflusst seine Spielweise, wie man speziell in der Instrumentalnummer ‘(Anesthesia) – Pulling Teeth’ vom ’83er-Debüt KILL ’EM ALL und im Intro von ‘For Whom The Bell Tolls’ auf dem Klassiker RIDE THE LIGHTNING erkennen kann, bei dem Burtons Bass wie eine E-Gitarre klingt. Ein weiteres Paradebeispiel für sein typisches Spiel ist das von ihm komponierte Stück ‘Orion’ auf MASTER OF PUPPETS, das im Oktober 1986 bei Burtons Gedenkzeremonie auf der Maxwell Ranch gespielt wird und mit dem Metallica ihren verstorbenen Kollegen beim 2006er-Rock am Ring noch einmal ausdrücklich ehren.
Burtons Bässe
Da Cliff Burton seinen Bass nicht nur – wie sonst üblich – als ein mit dem Schlagzeug eng verzahntes Rhythmusinstrument betrachtete, sondern ihn eher wie eine Lead-Gitarre spielte, war auch die Auswahl seiner Instrumente wohldurchdacht. Sein bis heute unvergessener Rickenbacker 4001, den er modifiziert und besonders während seiner ersten drei Metallica-Jahre im Einsatz hatte, ist vor allem auf KILL ’EM ALL, teilweise auch auf RIDE THE LIGHTNING zu hören. Anschließend spielte Burton einen Alembic „Spoiler“, der ihm allerdings nach kurzer Zeit gestohlen wurde, woraufhin sich der Metallica-Bassist zwei Aria „Pro II SB“ zulegte: einen „SB-1000“, mit dem er die MASTER OF PUPPETS-Tour bestritt, und jenen „SB Black’n Gold“, der seit Frühjahr 2026 als Vorlage eines limitierten Signature-Modells des Amerikaners dient, mit durchgehendem Hals aus Ahorn und Walnuss sowie einem dem Original nachempfundenen „MB-10E“-Pickup.
Der „SB Black’n Gold“ ist allein deshalb absolut legendär, weil Burton ihn 1986 auf der schicksalhaften „Damage, Inc.“-Tour einsetzte, jener Konzertreise also, die ihn letztlich das Leben kostete. Übrigens, kleiner Hinweis an alle Musiker: Der Hersteller hat offiziell verlauten lassen, dass der Aria „Pro II SB-CLB Cliff Burton Signature“ nur bis Ende 2026 gefertigt wird. Interessierte sollten also nicht allzu lange warten, sondern bei Bedarf zeitnah zuschlagen.
Amps & Effekte
Um dem rohen Thrash Metal-Sound der Band ebenso gerecht zu werden wie seinem geschmackvollen Spiel, brauchte Burton natürlich die entsprechenden Verstärker. In den Anfangsjahren waren dies schwerpunktmäßig ein Sunn „Beta Bass“ und ein Peavey „Mark IV Series 400“. Später wechselte Burton zu zwei MESA/Boogie „D-180“-Topteilen – einen für das klare Signal, den anderen ausschließlich für die Effektgeräte – in Kombination mit je einer 4x12er und einer 1x15er MESA/Boogie Bass-Box. Die hochwertigen Verstärker waren natürlich die perfekte Grundlage für sein ausgewähltes Sortiment von Effektgeräten, darunter ein Morley „Power Wah Boost“, das unter anderem im Intro von ‘For Whom The Bell Tolls’ zum Einsatz kam und dadurch eine Art Markenzeichen für Burtons Sound wurde. Nicht weniger wichtig waren sein Boss „CS-2 Compression Sustainer“, ein Ibanez „TS9“-Tubescreamer, ein Ibanez „HD1500“-Delay/Pitchshifter und – jedenfalls in der Frühphase der Gruppe – ein „Big Muff Pi“-Verzerrer von Electro Harmonix.
Was bleibt?
Vor allem bleibt die Erinnerung an einen großartigen Musiker, der sich mit nur drei Alben ins große Buch der Metal-Legenden eintragen konnte. Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich bezeichnet Burton bis heute als den musikalisch gebildetsten der damaligen Besetzung und bestätigt damit Hetfields Einschätzung, dass der unvergessene Bassist der kreative Motor der Band gewesen sei. Zudem sagt das 2024 von Metallica ins Leben gerufene digitale Museumsprojekt „Orion: A Tribute To Cliff Burton“ mehr als tausend Worte, passend zum schweigsamen Burton!
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Quelle: METAL HAMMER.de















