Die letzten Wurzeln ihrer harten Anfangsphase

Mit BRAVE MURDER DAY betraten Katatonia 1996 eine Phase, in der sich die eigene Identität spürbar verschob. Die Band war noch tief im schweren, düsteren Klang ihrer frühen Jahre verankert, doch die Struktur begann sich zu verändern. Jonas Renkse konnte die markanten Screams, die Katatonias Klang bis dahin geprägt hatten, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Also sprang Mikael Åkerfeldt von Opeth ein – nicht als Gast, sondern als Stimme, die dieses zweite Album erst möglich machte. Gleichzeitig rückte Fredrik Norrman als zweiter Gitarrist ins Line‑up. Ein Schritt, der die Band musikalisch neu ausrichtete und die Grundlage für den späteren Wandel legte.

Ein Klang zwischen Doom und Dämmerung

Katatonia selbst sprachen von frühen Paradise Lost‑Einflüssen, vermischt mit Kent und Slowdive. Diese Mischung erklärt, warum BRAVE MURDER DAY so eigen wirkt: ein Album, das sich nicht entscheiden will, ob es sich in Doom‑Schwere versenkt oder in weiche, melancholische Zwischenräume gleitet. AllMusic nannte das Ergebnis gloomy“, aber das greift fast zu kurz. Die Stücke wirken wie lange Schatten, die sich über die Neunziger legen, getragen von repetitiven Gitarrenfiguren, die sich nicht auflösen, sondern langsam in den Hörer einsickern. Dass die Band damals noch nicht vollständig aus dem extremen Metal herausgetreten war, hört man in jeder Note – aber man hört ebenso deutlich, dass der Ausstieg bereits begonnen hatte.

Ein Release mit vielen Leben

Die Veröffentlichungsgeschichte des Albums ist ein eigenes Kapitel. Die ursprüngliche Version war nicht gemastert, ein Detail, das dem Werk eine gewisse Rohheit verleiht. Erst die Peaceville‑Neuauflage von 2006 brachte eine vollständig gemasterte Fassung und ergänzte dem Album, welches eigentlich aus nur sechs Liedern bestand, die gesamte SOUNDS OF DECAY‑EP (1997). Andere Reissues erweiterten das Album um die Lieder von FOR FUNERALS TO COME… (1995), und selbst eine Vinyl‑Edition über Northern Silence Productions fand ihren Weg in die Welt. Jede dieser Fassungen erzählt davon, wie sehr BRAVE MURDER DAY im Katatonia‑Kosmos nachhallt: ein Werk, das man immer wieder neu auflegt, weil es immer wieder neu gelesen werden kann.

Die Band im Umbruch

Die Besetzung im Booklet zeigt eine Band, die sich neu sortiert: Åkerfeldt übernimmt fast alles an Gesang, Renkse zieht sich ans Schlagzeug und vereinzelte Gesangs-Parts zurück, Nyström spielt Bass, Norrman Gitarren. Dan Swanö sitzt an den Reglern, während Bildhuset und Lennart Kaltea die visuelle Sprache des Albums prägen. Selbst die Song-Details erzählen von Übergängen: ‘12’ ist eine Neuaufnahme eines älteren Stücks, ‘Endtime’ arbeitet mit Samples aus Kubricks ‘The Shining’ (1980) – eine seltene Entscheidung im Katatonia‑Katalog, die den düsteren Charakter des Albums noch weiter verdichtet.

Der Moment, in dem alles kippt

Um zu verstehen, warum BRAVE MURDER DAY so zentral im Katatonia‑Narrativ steht, muss man den Weg dorthin betrachten. Die Band war 1991 als Zwei‑Mann‑Projekt gestartet, getragen von Renkse und Nyström, die sich zwischen Death Metal‑Leidenschaft und Doom‑Ästhetik bewegten. Die frühen Jahre waren geprägt von wechselnden Besetzungen, kurzen Brüchen, neuen EPs, verlorenen Bassisten und dem ständigen Versuch, eine stabile Form zu finden. Erst mit Norrman und der Rückkehr ins Studio entstand die Grundlage für dieses zweite Album. Und genau hier beginnt die eigentliche Verschiebung: Die Screams verschwinden, die Melodik rückt näher, die Härte verliert ihre absolute Dominanz. BRAVE MURDER DAY ist das letzte Werk, das Katatonias extreme Wurzeln vollständig trägt – und gleichzeitig das erste, das sie hinter sich lässt.

Ein Album wie ein letzter Atemzug

Wenn man das Album heute hört, wirkt es wie ein Dokument eines Moments, in dem eine Band sich selbst überholt. Die düsteren Gitarren, die langen Spannungsbögen, die schweren Vocals – all das steht kurz davor, sich aufzulösen. Das Album ist der letzte Atemzug einer Phase, die Katatonia groß gemacht hat, und der erste Schritt in eine Zukunft, die sie neu definieren sollte. Ein Werk zwischen zwei Welten, das seine eigene Schwere trägt, ohne darin zu erstarren.


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Quelle: METAL HAMMER.de