Vier David Bowie-Phasen, die Rock und Metal nachhaltig prägen

Zehn Jahre ohne David Bowie – und trotzdem wirkt es, als hätte er unsere Welt erst gestern verlassen. Wie ein Gestaltenwandler erschuf er Personae, verbrannte sie wieder und bewies wie kein Zweiter, dass Identität ein fragiles Konstrukt ist. Kaum ein Künstler hat es geschafft, so viele Musik-Genres zu infizieren wie er. Ein Jahrzehnt nach seinem Tod weilt sein Geist noch immer mitten unter uns – und seine Spuren führen tief hinein in die DNS der härteren Musik.

Warum David Bowie für Rock und Metal wichtiger ist, als manche zugeben

David Bowie musste nie laut sein, um die Szene zu erschüttern. Während viele Rock‑ und Metal‑Bands der Siebziger noch damit beschäftigt waren, möglichst breitbeinig und „authentisch“ zu wirken, zeigte Bowie, dass Identität ein Werkzeug ist, das man gnadenlos verbiegen darf. Seine Kunstfiguren waren keine Masken, sondern Kampfansagen: Ziggy als androgyner Alien‑Messias, Aladdin Sane als fiebriger Glam‑Prophet, später die kalte, distanzierte Berlin‑Phase. Jede Häutung war ein Schlag ins Gesicht der Konventionen.

Speziell die härtere Musik profitierte davon mehr, als manche Fans zugeben wollen. Ohne Bowies radikale Selbstinszenierung hätten es viele Frontleute deutlich schwieriger gehabt, ihren Platz zu finden. Schock-Rock, Gothic‑Ästhetik, Industrial‑Düsternis – all das trägt Bowies Fingerabdrücke. Er zeigte, dass Härte nicht nur aus verzerrten Gitarren entsteht, sondern vor allem aus dem Mut, sich neu zu erfinden, Erwartungen zu brechen und das Publikum herauszufordern. Bowie war nie Metal, aber hat dem Metal beigebracht, größer zu denken und zu träumen.

Vier Bowie‑Phasen, die bis heute nachhallen

David Bowie hat sich in regelmäßigen Abständen komplett neu erfunden. Jede Phase war ein Bruch, ein Risiko, ein Statement. Sie alle haben Spuren hinterlassen, die man heute quer durch Rock und Metal hört. Statt einer linearen Biografie lohnt sich der Blick auf vier Epochen, die bis heute nachwirken.

Ziggy Stardust: Der außerirdische Archetyp

Ziggy war mehr als Glam: Er war ein Angriff auf die Vorstellung, wie ein Rockstar auszusehen hat. Androgyn, überlebensgroß, gefährlich – ein Wesen, das eher auf einer Bühne als auf einem Planeten zu Hause war. Ziggy wurde zum Urbild des theatralen Frontmanns, dessen Identität Teil der Performance ist. Ohne ihn wären viele moderne Metal‑Ikonen schlicht undenkbar. Bands wie Ghost greifen Bowies Persona‑Prinzip direkt auf: Jede neue Inkarnation von Papa Emeritus funktioniert wie eine moderne, okkulte Variation von Ziggy.

Tobias Forge (Ghost) nutzt Identität als Werkzeug – genau wie Bowie, nur mit Weihrauch und Zähneknirschen. Marilyn Manson hat Bowies Glam‑Provokation in die Dunkelheit gezogen und daraus seine eigene groteske Kunstfigur gebaut. Die androgyne Überzeichnung und das kalkulierte Spiel mit Identität tragen unverkennbar Ziggy‑DNS in sich. Trent Reznor (Nine Inch Nails)  übernahm Bowies radikale Wandlungsfähigkeit und übersetzte sie in kalte Industrial‑Düsternis. Die Zusammenarbeit der beiden in den Neunzigern zeigt, wie tief Bowies Konzeptkunst in Reznors Werk verwurzelt ist.

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Berlin‑Trilogie: Kälte, Experimente, Mut zur Hässlichkeit

In Berlin war Bowie ein anderer Mensch: distanziert, reduziert, fast schon klinisch. Die Musik wurde kantiger, experimenteller, unberechenbarer. Diese Phase legte den Grundstein für Industrial‑Ästhetik und Darkwave‑Düsternis. Bowies Mut, Schönheit im Fragment zu suchen, hat ganze Genres geprägt. Auch diese Bowie-Ära spiegelt sich in vielen Metal-Alben und Werken wieder. Ein Beispiel hierfür ist die Musik, die Katatonia in den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern hervorgebracht haben. Bowies Kälte zeigt sich in den minimalistischen Arrangements, kalten Synth‑Texturen und dem nüchternen, fast distanzierten Gesang. Es ist dieselbe emotionale Kälte, nur in dunklerem Gewand.

LET’S DANCE: Der Beweis, dass Mainstream nicht weich sein muss

Viele unterschätzen diese Ära, weil sie kommerziell war. Ein Fehler. LET’S DANCE (1983) zeigt, dass man massentauglich sein kann, ohne seinen Anspruch zu verlieren. Groove, Coolness, Präzision – alles auf den Punkt. Diese Haltung findet man heute in Bands, die Härte mit Pop‑Sensibilität verbinden, ohne ihre Kante zu verlieren.

BLACKSTAR: Ein Vermächtnis in Albumform

BLACKSTAR (2016) ist sowohl David Bowies Abschiedsalbum als auch ein Ritual. Kryptisch, unruhig, voller Symbole: Ein Werk, das sich bis heute weigert, erklärt zu werden. Bowie inszenierte seinen Abgang wie ein letztes Kunstprojekt. Die Mischung aus Jazz‑Avantgarde, düsterer Elektronik und existenzieller Schwere wirkt bis heute nach und zeigt, wie radikal man selbst im Angesicht des Endes sein kann.

Vergangenheit und Zukunft

Während ganze Szenen kommen und gehen, bleibt David Bowie der ultimative Beweis dafür, dass wahre Größe nicht im Lautstärkepegel liegt sondern im Willen, sich immer wieder neu zu erfinden. Und genau deshalb hallt sein Vermächtnis auch heute noch durch die Verstärker der härtesten Bands: Bowie war nie Metal, aber er war immer mehr Metal, als viele es je sein werden.


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Quelle: METAL HAMMER.de