Dieses Album brach ihnen beinahe das Rückgrat
Der Moment, an dem ein etabliertes Metal‑Schwergewicht plötzlich ins Straucheln gerät, hinterlässt Spuren, die weit über Verkaufszahlen hinausreichen. SUPERCHARGER, im Oktober 2001 veröffentlicht, erschien unter widrigsten Umständen, von Missverständnissen zerrieben und die Band an den Rand der Auflösung treibend. 25 Jahre später dokumentiert es noch immer eine Krise, die Machine Head beinahe die Existenz kostete – und zugleich den Boden für einen späteren Triumph bereitete.
Der falsche Zeitpunkt: Im Schatten des 11. Septembers
Die Veröffentlichung von SUPERCHARGER fiel in eine Phase, in der die Welt erschüttert war. Nur wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erschien ein Album, dessen einzige Single ‘Crashing Around You’ plötzlich in einem völlig anderen Licht stand. Der Song wurde gerade erst auf diversen Listen im US Rock-Radio aufgeführt, da zogen MTV und Radiostationen ihn schon wieder zurück. Die Kombination aus metaphorischem „crashing“ und brennender Skyline im Video war in dieser Zeit nicht tragbar.
Diese abrupte Unsichtbarkeit nahm dem Album jede Chance, sich zu entfalten. Die Promotion brach weg, die Stimmung kippte, und die Band stand ohne Rückhalt da. In den USA verkaufte SUPERCHARGER nur rund 45.000 Einheiten, ein dramatischer Absturz gegenüber THE BURNING RED (1999), das zuvor etwa 134.000 Verkäufe erreicht hatte.
Nu Metal als Sackgasse
Machine Head setzten auf SUPERCHARGER den Stil fort, den sie auf THE BURNING RED etabliert hatten: eine nu‑metallische Ausrichtung, die viele Fans irritierte und Kritiker in ihren Meinungen spaltete. Während die ersten drei Alben der Band jeweils über 100.000 US‑Verkäufe erzielten und in Europa starke Chart-Platzierungen erreichten, blieb SUPERCHARGER hinter allen Erwartungen zurück. In Großbritannien verpasste es erstmals seit Jahren die Top 20, in den USA landete es nur auf Platz 115 der Billboard 200.
Auch die Titelliste zeigt eine Band, die zwischen Experiment und Identitätskrise schwankt: kurze Interludien wie ‘Declaration’ oder ‘Brown Acid’, Groove‑lastige Stücke wie ‘Bulldozer’, hymnische Versuche wie ‘Crashing Around You’ und düstere, fast resignierte Songs wie ‘Deafening Silence’. Es ist das letzte Album mit Gitarrist Ahrue Luster – ein weiteres Zeichen dafür, dass die Maschine ins Stocken geraten war.
Der Kollaps der Label-Beziehung
Roadrunner Records, über Jahre der verlässliche Partner, zogen sich während der SUPERCHARGER‑Ära zunehmend zurück. Die Tournee wurde ohne Label-Unterstützung gefahren, die Band musste improvisieren, kämpfen, durchhalten. Nach der Veröffentlichung des Live-Albums HELLALIVE (2003) – ein Vertragserfüllungswerk – trennten sich beide Seiten. Machine Head standen plötzlich ohne Heimat da.
Die Situation war so verfahren, dass Dutzende Labels die Band ablehnten. Frontmann Robb Flynn beschrieb später in einem Interview mit Metal Injection seinen damaligen Zustand mit den Worten: „Ich dachte, dass es das vielleicht war. 35 Label hatten uns gerade abgesagt. Ich wollte den Traum aufgeben.“
Der Tiefpunkt als Ausgangspunkt: Die Kehrtwende
Die Krise führte nicht zur Kapitulation, sondern zu einem radikalen Neuanfang. Nach dem Weggang von Ahrue Luster arbeiteten Flynn, Adam Duce und Dave McClain als Trio weiter, suchten nach dem Kern ihrer Identität und fanden ihn in der Rückbesinnung auf die rohe Energie ihres Debüts BURN MY EYES (1994). Mit Phil Demmel als neuem Gitarristen gingen sie 2003 – ohne Label, ohne Budget, nur mit Überzeugung – ins Studio.
Das Ergebnis war THROUGH THE ASHES OF EMPIRES (2003) – ein Album, das aus Notwendigkeit entstand und später als eines der stärksten Werke der Band gefeiert wurde. In Europa und Australien erschien es über Roadrunner, die Resonanz wuchs langsam, aber stetig. Ein organischer Buzz entstand, getragen von Fans, die Machine Head nicht aufgegeben hatten.
SUPERCHARGER im Rückblick
Heute wirkt SUPERCHARGER wie ein Album, das weniger an seiner Musik scheiterte als an den Umständen. Die damaligen Charts – von Australien (Platz 24) über Deutschland (Platz 25) bis zur Schweiz (Platz 82) – zeigen ein Werk, das international zwar wahrgenommen, aber nicht geliebt wurde. Die nu‑metallische Ausrichtung, der unglückliche Termin, der Rückzug des Labels und die interne Instabilität formten ein Gesamtbild, das kaum eine Chance hatte.
Doch gerade deshalb ist SUPERCHARGER ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte von Machine Head. Es hält den Moment fest, an dem die Band fast zerbrach und sich danach neu erfand. Ohne dieses Scheitern hätte es den späteren Triumph nicht gegeben.
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Quelle: METAL HAMMER.de
















