KATORZ als unfreiwilliges Abschiedsalbum von Piggy
Als KATORZ am 25. Juli 2006 erschien, lag über Voivod ein Schatten, der sich nicht mehr vertreiben ließ. Der Jahrestag dieses Albums ist deshalb nie nur ein Datum, sondern ein Erinnerungsort. Er zeigt einen Gitarristen, der seine letzten Ideen auf einem MAC speicherte, an eine Band, die aus Demos ein Tribut formte, und an die seltsame Mischung aus Trauer und Trotz, die sich in jeder Sekunde dieser Platte festbeißt. Gitarrist Denis „Piggy“ D’Amour war bei Veröffentlichung des elften Voivod-Albums schon fast ein Jahr tot. Gestorben ist er im August 2005 an den Folgen seiner Krebserkrankung, und doch ist er auf KATORZ präsenter als auf vielen Alben zuvor.
Die Gitarren- und Bassspuren, die er zusammen mit Jason Newsted in Kalifornien aufgenommen hatte, wurden zur Grundlage eines Albums, das nicht geplant war, sondern hinterlassen. Da er die CDs der Sessions mit „Katorz“ beschriftete, stand der Titel des Albums schon lange fest, bevor die Tragweite der Inhalte bekannt war.
Piggy im Zentrum
Die Band tat nach Piggys Tod das einzig Richtige: Sie nahm diese Fragmente ernst. Langevin und Bélanger bauten ihre Teile nicht darüber, sondern darum herum. Es wirkt, als würden sie versuchen, ihren verstorbenen Freund nicht zu übertönen, sondern zu begleiten. Die Stimmung, die dabei entsteht, ist schwer zu greifen – nicht sentimental, nicht pathetisch, sondern eine Art konzentrierte Ernsthaftigkeit. Die zeitgenössische Blabbermouth‑Rezension sprach davon, dass Piggy „vorne in der Mitte“ stehe, und auch wenn das eine Außenperspektive ist, trifft sie die Atmosphäre. KATORZ klingt wie ein Album, auf dem jeder weiß, dass es vielleicht das letzte gemeinsame sein könnte. Die Energie, die daraus entsteht, ist nicht jugendlich, sondern fokussiert, fast stoisch. Die ersten Lieder ‘The Getaway’, ‘Dognation’ und ‘Mr. Clean’ wirken wie ein Antritt, der nicht mehr beweisen muss, sondern nur noch festhalten. Piggy spielt hier nicht wie jemand, der sich verabschiedet, sondern wie jemand, der noch einmal alles neu ordnet.
Zwischen futuristischem Rock und Voivods eigenem Kosmos
Voivod hatten sich 2006 längst von ihren frühen Thrash‑Wurzeln entfernt, und KATORZ steht klar in dieser späteren Phase.. Es bietet futuristischen Heavy Rock, kantig, melodisch, mit der typischen Voivod‑Schräglage. Zeitgenössische Rezensionen erwähnten die Nähe zu NOTHINGFACE, ANGEL RAT und THE OUTER LIMITS – nicht als Fakten, sondern als Stimmung, als Versuch, das Album in eine Linie zu setzen. Und tatsächlich wirkt KATORZ wie ein spätes Echo dieser Entwicklung. Weniger aggressiv, dafür strukturierter, mit Riffs, die nicht explodieren, sondern sich festsetzen. Songs wie ‘Silly Clones’ oder ‘Odds & Frauds’ zeigen, wie sehr die Band als Einheit funktioniert, selbst in einem Moment, in dem sie eigentlich auseinandergerissen war. Bélanger singt mit einer Klarheit, die nicht laut sein muss, um zu treffen. Schlagzeuger Langevin hält das Ganze zusammen wie ein Uhrwerk, das weiß, dass es weiterlaufen muss.
Ein Abschiedsalbum?
Gegen Ende verliert KATORZ etwas von seiner Wucht, aber nicht von seiner Bedeutung. ‘No Angel’ wirkt wie ein Durchatmen, ‘The X-Stream’ und ‘Polaroids’ wie ein spätes Aufflackern, das noch einmal zeigt, was Piggy in diesen letzten Monaten geschaffen hat. Dass ‘The X-Stream’ später in ‘Guitar Hero II’ auftauchte, ist eine Fußnote. Aber eine, die zeigt, wie weit diese Musik reichte, selbst über die Band hinaus. Der Jahrestag von KATORZ ist deshalb kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein Moment, in dem man versteht, wie viel in diesen 45 Minuten steckt. Ein Gitarrist, der seine letzten Ideen festhält; eine Band, die aus Verlust ein Werk macht; ein Album, das nicht als Abschied gedacht war und doch zu einem wurde.
KATORZ als stiller Triumph
Voivod haben weitergemacht, neue Mitglieder gefunden, neue Alben veröffentlicht, Preise gewonnen. Aber KATORZ bleibt ein Sonderfall – ein Album, das nicht nur Musik ist, sondern ein Dokument. Wenn ein Jahrestag etwas bedeutet, dann vielleicht genau das: dass man sich erinnert, wie viel in einem Moment stecken kann, den man damals nicht verstanden hat. KATORZ ist einer dieser Momente.
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Quelle: METAL HAMMER.de
















