Reload Festival 2026 – Die Staubhölle von Sulingen
Donnerstag
Der erste offizielle Tag des Festivals beginnt mit strahlendem Sonnenschein und einer reibungslosen Anreise. Die Crew des Reload zeigt sich äußerst freundlich und gut informiert, wodurch keinerlei Schwierigkeiten auftreten. Beim Hochziehen des nah am Infield gelegenen Camps wird dann aber schnell klar: Ein oder zwei Atemschutzmasken wären von großer Hilfe gewesen, um die eigenen Atemwege vor dem Staub zu schützen.

Nachdem Pavillon und Zelt stehen und man das erste kühle Bier genießt, offenbart ein Blick auf Fuß und Bein die Normalität der nächsten drei Tage – was im ersten Moment nach Sommerbräune aussieht, entpuppt sich schnell als ans Bein imprägnierte Staubmasse. Vermutlich trotzdem besser als Regen und Gewitter? Aber mehr zur Musik am Donnerstag.
Mit Lamb Of God wartet das erste Highlight auf der Impericon Main Stage und man hat den Eindruck, dass all die Pyrotechnik, die von den Amerikanern in Wacken nicht gezündet wurde, hier ihren Nutzen findet. Bei nahezu jedem Song knallt es oder schießen Flammenfontänen dem Publikum entgegen. Optisch ist das vermutlich der beeindruckendste Gig des Abends. Frontmann Randy Blythe richtet außerdem kollegiale Worte an all die Bands, die bereits am Nachmittag gespielt haben, beziehungsweise den weiteren Abend füllen. Das wirkt authentisch und sorgt für gute Stimmung und Euphorie bei den Zuschauern.

Weiter geht es mit Black Label Society, diesmal mit relativ kurzem Set, was die Spielfreude der Band keineswegs trübt. Zakk Wylde und seine Kumpanen zocken neue Hits wie ‘Name In Blood’ genauso engagiert wie Klassiker à la ‘Suicide Messiah’ und liefern somit den musikalisch überzeugendsten Auftritt des ersten Tages.
Zum Abschluss geht es zu Arch Enemy, die sich in ihrer neuen Formation mit Sängerin Lauren Hart in Topform präsentieren. Irgendwie ist es verständlich, dass viele eingefleischte Fans Alissa White-Gluz hinterhertrauen. So ist nun mal der Lauf der Dinge, wenn ein langjähriges Band-Mitglied andere Wege einschlägt. Hart macht dies wenigstens für einen Abend vergessen und zeigt ihr ganzes Können. Ihre Bühnenpräsenz überzeugt vollends, während Publikumsinteraktionen der anderen Band-Mitglieder leider so gut wie gar nicht stattfinden. Da hilft manchmal auch keine aufwändige Bühnenproduktion. Ausgeglichen wird dies durch eine spielerische Topleistung der gesamten Band, sodass die Performance positiv im Kopf bleibt.

Freitag
Bereits am ersten Tag wurde intensiv geschwitzt und gehustet, doch der Freitag setzt diesem noch eins drauf. Die nächsten 24 Stunden fühlt man sich, als würde man im eigenen Saft dampfgegart werden – und zwar so stark, dass selbst das kühle Bier nur wenig Aussicht auf Besserung liefert. Leider verspricht die Duschkabinensituation nicht viel mehr Besserung, sind die erreichbaren Duschcontainer doch sehr schmal und teils am Eingang schon geflutet. Aber zurück zur Musik. War der vergangene Abend ganz klar auf Metal ausgelegt, kommen Hard Rock-Fans am Festival-Freitag kaum aus dem Grinsen heraus.
Bei gefühlten 50 Grad – offiziell sind es 38 – stürmen die vier Rock-Rebellinnen Thundermother die Bühne. Die Schwedinnen geben Vollgas und lassen sich von den extremen Witterungsbedingungen nicht beeindrucken. Ein starker Auftritt, der leider zu kurz ausfällt. Richten wir den Blick wieder zur Main Stage, stechen uns knallgelbe Riesen-Quietscheenten ins Auge. Alestorm sind da und tun das, wofür sie bekannt sind: Sie sorgen für gute Laune. Der exakte Wortlaut eines Besuchers neben uns: „’Ne Platte würd’ ich mir von denen nicht holen, aber lachen musste ich!“.

Gute Laune kommt bei der nächsten Band ebenfalls auf, aber noch viel mehr der Drang zum Headbangen – Airbourne zünden am Abend ihr Düsenjet-lautes Rock’n’Roll-Feuerwerk. Spätestens hier bekommt jeder im Publikum neben einem leichten Tinnitus die Staublunge kostenlos dazugeliefert. Pits und Crowdsurfer in Hülle und Fülle verwandeln Sulingen in eine Staubhölle. Die Australier präsentieren sich in absoluter Bestform und liefern einen Tornado aus fliegenden Haaren, ohrenbetäubenden Rock-Hymnen und einer Leidenschaft, die ihresgleichen sucht. Randnotiz: Gitarrist und Sänger Joel O’Keeffe hätte für seine zurückgelegte Strecke während des Sets eigentlich Kilometergeld verlangen müssen.
Den Jungs aus Down Under folgend beweisen Judas Priest als oberster Headliner des Reload immer noch, wieso sie zur absoluten Spitze gehören. Rob Halford ist sagenhaft gut bei Stimme, und die Band drückt den Fans einen Hit nach dem nächsten ins Gesicht. Da lässt es sich selbst ein Ryan O’Keeffe von Airbourne nicht nehmen, die Metal-Legenden aus mitten des Publikums zu bejubeln. Bei Priest sowie vielen anderen Acts der drei Tage fällt besonders der exzellente Sound auf dem Festival auf. Egal, ob Main- oder Plaza Stage, der Klang ist klar, kraftvoll und lauter als bei vielen anderen Festivals. Dafür gibt es reichlich Lob.

Samstag
Ziemlich jeder auf dem Campground freut sich, da das Wetter am Samstag gegenüber den Festival-Besuchern gnädig ist und Abkühlung bringt. Die Mischung aus Sonnenschein und Wolken sorgt bis zum Nachmittag für ideale Festival-Bedingungen. Da kommt Freude auf und man ist gar nicht mal mehr so echauffiert darüber, dass das Reload wie das Wacken Open Air Anheuser-Busch Bud aus den Zapfhähnen laufen lässt. Für den dennoch empörten Bierliebhaber gibt es als Alternative immerhin auch einige Beck’s-Stände. Im Infield fällt zunächst deutlich auf, dass den 20.000 Feierwütigen das extreme Wetter und die letzten zwei Tage in den Knochen stecken. Bis zum späten Nachmittag ist deutlich weniger los als bislang gewohnt.
Das ändert sich schlagartig in der Sekunde, als Avatar am frühen Abend die Bühne betreten und Sulingen mit einem erfrischenden Regenschauer beglücken. Sonst eher unerwünscht, genießt man jeden Tropfen nach 48 Stunden Dauerhitze. Heiß her geht es dank Grinsefratze Johannes Eckerström und seinen Verbündeten auf der Bühne dennoch. Gewohnt humorvoll entschuldigt sich der Schwede beim Reload-Publikum für sein „nicht ganz perfektes Deutsch“, das trotzdem „besser ist als euer Schwedisch“. Die Publikumsinteraktionen sitzen wie die gesamte Performance und lassen keine Wünsche offen.
Ein weiterer mit Spannung erwarteter Auftritt ist der von Godsmack. Vergleicht man diesen mit denen anderer „Top-Acts“, die bislang die Main Stage des Reload zum Teil in Schutt und Asche gelegt haben, muss man etwas ernüchternd feststellen, dass der Funke nicht ganz überspringen will. Keineswegs eine schlechte Darbietung der US-Amerikaner, dennoch fehlt im ein oder anderen Moment irgendwie der letzte Biss. Auch Frontmann Sully Erna scheint stimmlich nicht ganz bei hundert Prozent zu sein.
So erhofft man sich vom Samstags-Headliner In Flames einen gebührenden Abschluss eines bärenstarken Festivals. Und es wird amtlich losgelegt. Die skandinavische Metal-Institution wird den Erwartungen gerecht und beglückt die in Scharen erschienenen Anhänger mit einer melodisch verzerrten Symphonie nach der nächsten. Somit zieht sich der qualitativ musikalisch hochwertige rote Faden konstant von Donnerstag bis Samstagnacht durch.

Fazit
Was kann man nun als Fazit zum Reload Festival 2026 sagen? Nicht alles war perfekt. Wie auch. Verbesserungswürdig ist die Duschcontainer-Situation. Hier kann nur für den Zustand auf dem Presse-/Crew Camp gesprochen werden: Die Kabinen deutlich zu klein, die Abflüsse zu verstopft. Dass die Preise für Speisen und Getränke auf Festivals mittlerweile nicht unbedingt geldbeutelfreundlich sind, ist allseits bekannt. Vergleichsweise liegt das Reload hier aber weder über noch unter anderen großen Festivals. Lediglich einige wenige Stände liefern für ihre Preise deutlich zu kleine Portionen. Das war es dann aber auch schon mit den Kritikpunkten.
Kommen wir zum Positiven, und davon gibt es reichlich. Auf dem Campground gibt es genügend Platz und auch das Personal ist größtenteils sehr hilfsbereit. Das Verpflegungsangebot im Infield ist breit aufgestellt, und auch an den Bierständen halten sich Wartezeiten stark in Grenzen. Einer der positivsten Aspekte ist der Sound auf dem Gelände. Nicht eine Band, die bestaunt wurde, hatte einen schlechten Mix, jede davon mindestens einen guten Sound, größtenteils sehr gut.
Es gibt neben der Musik auch Fahrgeschäfte, im Ort sind Freibad und Supermärkte zu finden, eine vernünftige Anzahl Sitzmöglichkeiten wird geboten, und selbst wenn das Licht auf den Bühnen spät abends erlischt, kann man im großen Zelt auf der Plaza bis zum Morgengrauen zu Musik aus der Konserve Party machen. Zum Ende auch noch einen herzlichen Glückwunsch an die Organisatoren, die laut eigener Aussage das bislang erfolgreichste Reload der Geschichte veranstaltet haben. Wer also den Drang nach einem gut organisierten Festival mit namhaftem Line-up verspürt, sich aber vor den exorbitant Großen sträubt, für den ist das Reload höchstwahrscheinlich die beste Wahl, die man in Deutschland treffen kann.

Chapeau Reload!
—
Bestens informiert über dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr außerdem mit unserem Newsletter. Einmal pro Woche flattert euch übersichtlich sortiert ein Update ins Postfach. Einfach anmelden, damit euch auch sicher nichts entgeht.
Quelle: METAL HAMMER.de
















