Kritik zu Amon Amarth THE ALLFATHER AWAKENS

Als Amon Amarth mit VERSUS THE WORLD ihren ersten METAL HAMMER-­Soundcheck-Sieg ein­fuhren, waren sie auf dem Sprung vom Geheimtipp zur etablierten Metal-Macht. 24 Jahre und sechs „Album des Monats“-Auszeichnungen später thronen die Schweden zum insgesamt achten Mal über allen – und könnten die nächste Karriereschallmauer durchbrechen. So stark die beiden Vorgänger BERSERKER (2019) und THE GREAT HEATHEN ARMY (2022) auch waren, wurden sie von Fans der Metal-Wikinger nicht so vorbehaltlos gefeiert wie gewohnt und begleitete sie ein Gefühl der Richtungssuche. Der Wind dürfte sich mit THE ALLFATHER AWAKENS drehen: Das 13. Amon Amarth-Album tönt wie ein Best-of der Band – ohne Gefahr zu laufen, wie ein Wiederkäuer dazustehen.

Dass mit Jacob ­Hansen ein neuer Produzent mit dem Quintett arbeiten durfte, ist dabei gewiss ein mitausschlaggebender Faktor: Dem Dänen ist es gelungen, THE ALLFATHER AWAKENS nach typischen, klassischen Amon Amarth, zugleich aber topmodern klingen zu lassen und für neue Einflüsse zu öffnen. Die größte Überraschung durfte als Vorab-Single herhalten: ‘Upphaf’ zeigt die Band in rein akustischem Gewand – und trotzdem unverkennbar, grollend und mächtig! Johan Hegg nimmt sich – wie auf dem gesamten Album – nicht zurück und intoniert seine mythologischen, poetischen und kriegerischen Verse zutiefst inbrünstig und gewaltig. Mit gewohnt krachiger Instrumentierung wäre die Nummer eine große Melodic Death Metal-Hymne geworden, aber eben eine von vielen.

Denn ein Mangel an solchen besteht auf dem Album nicht: ‘Gjallahorn’ könnte man fast vorwerfen, zu eingängig zu sein; aber in welcher Welt ist das ein ernst zu nehmender Vorwurf? ‘Raven God’ fesselt mit feierlich-majestätischen Riffs und einem melodischem Instrumentalfeuerwerk klassischer Metal-Schule, wie es nur das Gitarrenduo Mikkonen/Söderberg schmieden kann – ein schunkelnder Stampfer und melancholischer Mitsinggarant in schönster ‘Cry Of The Black Birds’-Tradition. Bei ‘Eight Legs Of Thunder’ werden die galoppierenden Gitarren zum erzählenden Element; trotz aller Heavy Metal-Harmonien bleiben Amon Amarth auf brutal-­kriegerischem Kurs, der mit dem regelrecht unheimlichen ‘Kvasir’s Blood’ und dem (so dezent wie effektiv orchestrierten) Death Metal-Kriegsmarsch ‘Die With A War Cry’ bestimmend wird.

Und dann ist da noch der Quasi-Titel-Track ‘The Allfather Awakes’, bei dem Jacob Hansens Handschrift am deutlichsten hervortritt, indem er den traditionsverhafteten Nordmännern einen modernen Anstrich verleiht – selbstverständlich, ohne sie zu entwurzeln oder zu verbiegen. Der klare und pumpende Sound fließt vortrefflich mit der kantigen Wikingerwut und der dieser Band inhärenten Epik zusammen. Ein großes, womöglich richtungweisendes Stück! Mit THE ALLFATHER AWAKENS sollte es Amon Amarth gelingen, all ihre über drei Jahrzehnte gesammelten Anhänger zu überzeugen und zugleich vorwärtsgewandt neue Heiden zu ihrer Metal-Armee zu bekehren.

***
Du willst METAL HAMMER lesen, aber kein Abo abschließen? Kein Problem! Die aktuelle Ausgabe portofrei nach Hause bestellen: www.metal-hammer.de/heftbestellung
***



Quelle: METAL HAMMER.de