Abgestoßen von Labels, aber nicht ohne Lösung

Als ORGASMATRON 1986 erschien, waren Motörhead längst nicht mehr die unerschütterliche Macht, als die man sie aus den frühen Achtzigern kannte. Die Band hatte sich mit Bronze Records zerstritten, tourte ohne Plattenvertrag, und Lemmy Kilmister musste mitansehen, wie die großen Labels reihenweise abwinkten. „Elektra hat abgelehnt. MCA hat abgelehnt. CBS hat abgelehnt. Epic hat abgelehnt. Chrysalis hat abgelehnt. Jeder hat abgelehnt,“ wird er in Joel McIvers ‘Overkill: The Untold Story Of Motörhead’ zititert.  Die Band stand an einem Punkt, an dem sie zwar als Einfluss für die aufkommende Thrash‑Welle gefeiert wurden, aber selbst ohne Heimat dastanden. Die Lösung war typisch Lemmy: Wenn niemand die Band wollte, gründete man eben ein eigenes Label. GWR Records wurde zur Basis für ein Album, das Motörhead nicht neu erfindet, sondern wieder scharf stellt.

Eine neue Besetzung, ein neuer Klang

ORGASMATRON war das erste Motörhead‑Album mit zwei Gitarristen – Phil Campbell und Michael „Würzel“ Burston – und das einzige Studioalbum mit Pete Gill am Schlagzeug. Zum ersten Mal spielte die Band als Viererformation, und diese neue Breite hört man sofort. Die Gitarren wirken wie zwei Motoren, die gegeneinander arbeiten, während Gill dem Sound eine kantige, fast mechanische Präzision verleiht. Nach dem umstrittenen ANOTHER PERFECT DAY war dies die Rückkehr zu einem härteren, direkteren Motörhead, aber mit einer Produktion, die alles andere als klassisch war.

Bill Laswell, bekannt für Arbeiten mit Mick Jagger, produzierte das Album in nur elf Tagen. Seine Handschrift ist überall zu hören: klareres Schlagzeug, ein seltsam scharfes Gitarrenbild, ein Mix, der Motörhead in eine andere, fast akustische Welt schiebt. Lemmy war davon nicht begeistert. „Es war schrecklich. ORGASMATRON war Schlamm.“ Phil Campbell sah es ähnlich: Die Songs seien stark gewesen, aber die Produktion habe sie nicht getragen. Laswell versuchte, frühe Hip-Hop‑Elemente mit Motörheads Sound zu verbinden – ein Experiment, das die Band später als Fehlgriff bezeichnete. Und doch: Gerade diese Fremdheit verleiht dem Album eine Atmosphäre, die es in ihrem Katalog einzigartig macht.

‘Orgasmatron’ als Manifest des Ekels

Der Song ‘Orgasmatron’ ist Lemmys Abrechnung mit den drei Dingen, die er am meisten verabscheute: organisierte Religion, Politik und Krieg. Das Lied ist ein langsamer, bedrohlicher Felsen, ein Stück, das nicht rast, sondern sich wie ein schwarzer Zug durch den Kopf schiebt. Lemmys Stimme klingt hier mehr wie die Durchführung eines Rituals als wie Gesang: Ein grollender Vortrag, der die Heuchelei der Welt seziert. Viele Fans sehen darin bis heute einen der stärksten Momente der gesamten Motörhead‑Diskografie.

(Zu) große Pläne

Trotz der neuen Besetzung, trotz der Produktion, trotz der Unsicherheit im Vorfeld: ORGASMATRON brachte Motörhead zurück in die Charts und zurück in die Wahrnehmung der breiten Masse. ‘Deaf Forever’ wurde zur Single, die Band spielte wieder große Festivals, und die Songs fanden ihren Weg in die Setlists – mal für Jahre, mal nur für kurze Phasen, aber nie vergessen. Die Tournee zum Album war typisch Motörhead: laut, chaotisch, kompromisslos. Der Versuch, die legendäre Bomber‑Licht-Show durch eine „Orgasmatron‑Maschine“ zu ersetzen, scheiterte spektakulär. Lemmy erinnerte sich später trocken: „Wir hatten dieses riesige Orgasmatron-Ding, und nachdem wir es gebaut hatten, haben wir gemerkt, dass es in die meisten Venues gar nicht reinpasst.“

Das Cover: Eine Woody Allen-Anlehnung?

Der Albumtitel hatte nichts mit Woody Allens ‘Sleeper’ (1973) zu tun, auch wenn viele das vermuteten. Das Cover, ein dämonischer Zug, entstand aus Lemmys Wunsch nach einem „fucking Zug“. Der Künstler Joe Petagno musste den Entwurf drehen, um die monströse Snaggletooth‑Fratze vor den Lokomotivkörper zu setzen. Das Ergebnis war ein Bild, das bis heute in den Köpfen aller Motörhead-Fans eingebrannt ist.

Zwischen Risiko und Rückkehr

ORGASMATRON ist eines der Motörhead‑Alben, das sich nicht in eine einfache Schublade stecken lässt. Es ist rau und klar zugleich, experimentell und doch zutiefst Motörhead. Die Produktion spaltet bis heute die Fans, aber die Songs tragen eine Wucht, die nicht vergeht. Es ist ein Album, das zeigt, wie Motörhead funktionieren, wenn die Welt gegen sie steht: Sie machen weiter, sie machen lauter, und sie machen ein Werk, das sich nicht anbiedert, sondern behauptet.


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Quelle: METAL HAMMER.de