Rückkehr der klassischen Besetzung mit Paukenschlag
Slayer wirkten 2006 nicht wie eine Band, die nostalgisch zu ihren Wurzeln zurückkehrt, sondern wie eine, die nach Jahren des Auseinanderdriftens wieder in einer Linie zusammenläuft. CHRIST ILLUSION zeigt den Moment, in dem die ursprüngliche Viererformation – Kerry King, Jeff Hanneman, Tom Araya und Dave Lombardo – erneut gemeinsam im Studio stand. Diese Konstellation erzeugte eine Spannung, die man nicht planen kann: vier Musiker, die sich nicht mehr beweisen müssen, aber genau wissen, was passiert, wenn sie wieder in denselben Raum gestellt werden. Die frühen Sessions für dieses Werk zeigten, wie tief die alte Dynamik noch arbeitete. Lombardos Rückkehr war kein nostalgischer Bonus, sondern der Motor, der das Album antreibt – ein Schlagzeuger, der nicht einfach zurückkommt, sondern die Band wieder in den Zustand versetzt, in dem sie am gefährlichsten klingt.
Ein Album, viele Kontroversen
Schon das Cover machte klar, dass CHRIST ILLUSION nicht auf Zurückhaltung setzt. Larry Carroll, der bereits REIGN IN BLOOD (1986) und SEASONS IN THE ABYSS (1990) mit seiner Kunst geprägt hatte, malte einen verstümmelten Christus, eine Figur zwischen religiöser Ikonografie und radikaler Provokation. Die Reaktionen waren heftig, besonders in konservativen Märkten, die alternative Cover verlangten. In Indien eskalierte die Situation vollständig: das Album wurde zurückgerufen und vernichtet. Slayer hatten nie Angst vor Grenzüberschreitungen, aber hier trafen Bildsprache, Politik und Religion aufeinander wie drei Fronten, die sich gegenseitig verstärkten und hochkochen ließen.
Zwischen alten Wurzeln und neuer Präzision
Die Produktion spiegelte die innere Dynamik der Band. Slayer wollten ihren Produzenten Rick Rubin zurück, doch er war ausgelastet – ein Umstand, der die Aufnahmen verzögerte und die Band zwang, mit Josh Abraham zu arbeiten. Das Ergebnis war kein harter Bruch, sondern ein frischer Impuls. King spielte wie bei den beiden vorherigen Alben alle Rhythmusgitarren selbst ein, Lombardo brachte eine Energie zurück, die man seit 1990 vermisst hatte, und Hanneman tobte sich an der Lead-Gitarre aus. Die Band klingt, als würde sie ihre eigenen Extreme neu definieren – eher eine Weiterentwicklung als eine Wiederholung. Ein Album, das die Härte früherer Jahre trägt, aber mit der Präzision einer Band, die genau weiß, was sie will, und nicht mehr experimentieren muss.
Knapp den 06.06.06 verpasst
Ursprünglich sollte das Album am 6. Juni 2006 erscheinen – ein Datum, das Slayer bewusst mit der Symbolik der „Number of the beast“ auflud. Doch die Idee wurde verworfen, teils wegen anderer Bands, teils wegen logistischer Probleme. Stattdessen erschien die EP ETERNAL PYRE an diesem Tag, limitiert, schnell ausverkauft, ein kleiner Vorbote des Albums. Als CHRIST ILLUSION schließlich im August kam, war die Bühne vorbereitet: exklusive Previews, Streaming‑Aktionen, Radio‑Premieren, MySpace‑Veröffentlichungen. Slayer nutzten die digitale Welt, ohne ihre physische Präsenz zu verlieren – inklusive Werbeplakaten auf öffentlichen Sitzbänken, die die Stadt Fullerton wegen des provokanten Motivs umgehend entfernen ließ.
Ein kommerzieller Triumph mit scharfen Kanten
Der Erfolg war unmittelbar. Das Album stieg auf Platz 5 der Billboard 200 ein, die höchste Platzierung der Band bis dahin. International erreichte es Top 10‑Positionen von Australien bis Finnland. Die Single ‘Eyes Of The Insane’ gewann einen Grammy, ‘Final Six’ im Jahr darauf ebenfalls. Die Kritiken waren überwiegend positiv: viele lobten die Rückkehr der ursprünglichen Energie, die Präzision, die Wucht. Andere warfen dem Album Wiederholung oder Nu Metal‑Tendenzen vor. Slayer polarisierten – wie immer.
Lyrische Frontlinien
Die Texte greifen Themen auf, die Slayer seit jeher begleiten: Religion, Krieg, Terrorismus. ‘Jihad’ erzählt die Perspektive eines 9/11‑Attentäters, ‘Eyes Of The Insane’ beleuchtet die psychische Belastung von Soldaten, inspiriert von einem Artikel über posttraumatische Traumata. ‘Cult’ attackiert amerikanische Religionsstrukturen, ‘Consfearacy’ richtet sich gegen staatliche Macht. Die Reaktionen waren heftig, besonders in Indien, wo das Album in Kombination mit Jesus-Cover als Angriff auf religiöse Sensibilitäten gewertet wurde.
Slayer in voller Pracht
Am Ende bleibt CHRIST ILLUSION ein Album, das Slayer nicht einfach in der klassischen Besetzung zeigt, sondern in einem Zustand, der selten ist: fokussiert, wütend, präzise, und gleichzeitig bereit, die eigene Geschichte neu zu schärfen. Die Kontroversen, die Grammys, die Chart-Platzierungen – all das gehört dazu, aber es erklärt nicht die eigentliche Wirkung. Dieses Album klingt, als hätte die Band einen Punkt erreicht, an dem sie weder zurückblickt noch nach vorne flieht, sondern mitten im eigenen Kern steht. Es ist kein Versöhnungswerk, kein Spätphasen‑Statement, sondern ein Schlag, der zeigt, warum Slayer über Jahrzehnte Maßstab geblieben sind.
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Quelle: METAL HAMMER.de
















