Umorientierung führte zu Kritik (und Erfolg)

Im September 2006 verschob sich mit der Veröffentlichung von  A TWIST IN THE MYTH die Geschichte von Blind Guardian spürbar. Der Abschied von Schlagzeuger Thomen Stauch im Jahr 2005 war mehr als eine personelle Veränderung. Er markierte das Ende einer Ära, die Blind Guardian über zwei Jahrzehnte geprägt hatte. Stauch verließ die Band wegen musikalischer Differenzen und widmete sich fortan Savage Circus, einem Projekt, das stilistisch bewusst an das Blind Guardian-Fünftwerk IMAGINATIONS FROM THE OTHER SIDE (1995) anknüpft. Für den Rest der Band bedeutete dieser Schritt eine Zäsur, die sich unmittelbar im Klang der folgenden Alben niederschlägt.

Die schwierige Geburt eines Albums

Die Aufnahmen zogen sich von September 2005 bis April 2006 hin und standen unter keinem guten Stern. Eine akute Mittelohrentzündung von Hansi Kürsch verzögerte die Studioarbeit, sodass die geplante Welttournee verschoben werden musste. Gleichzeitig war die neue Besetzung ein kreativer Neustart: Frederik Ehmke trat als Schlagzeuger in die Gruppe ein und prägte den Klang des Albums mit einer Energie, die sich deutlich von Stauchs Handschrift unterscheidet.

Blind Guardian nutzten diese Situation, um sich musikalisch neu zu sortieren. Nach dem fast barock überladenen A NIGHT AT THE OPERA (2002)  entschieden sie sich bewusst für eine Reduktion. Die Produktion blieb vielschichtig, aber sie wirkt wieder atmend, direkter, weniger von Perfektionswut getrieben.

Ein Klang, der die Fan-Basis herausfordert

Musikalisch gehen Blind Guardian einen Schritt, der nicht jedem gefällt. ‘Fly’, die vorab veröffentlichte Single, wurde zum Brennpunkt der Diskussion. Der Song integriert Thrash‑Elemente, bricht mit vertrauten Strukturen und zeigt eine experimentelle Seite der Band, die viele Fans überraschte. Gleichzeitig gibt es Momente, die an frühere Werke erinnern: ‘Carry The Blessed Home’ knüpft an die Tradition der Band an und greift erneut Themen aus Stephen Kings ‘Der dunkle Turm’ auf.

Die literarische Verankerung bleibt ein Markenzeichen. ‘Otherland’ bezieht sich auf Tad Williams’ Science‑Fiction‑Reihe, und ‘Skalds And Shadows’ erinnert mit seinen Folk‑Elementen an die balladesken Momente früherer Alben. ‘This Will Never End’ basiert währenddessen lose auf Walter Moers’ ‘Wilde Reise durch die Nacht’, und ‘Lionheart’ verarbeitet die Odysseus‑Episode aus Dantes ‘Inferno’. Blind Guardian erzählen weiterhin in großen Bögen, aber tun es mit einer neuen klanglichen Offenheit.

Versionen, Bonusmaterial und Sammlerwert

A TWIST IN THE MYTH erschien in mehreren Varianten, die das Album zu einem begehrten Sammlerstück machen. Die Digipak‑Version enthält eine Bonus‑CD mit Interviews in Deutsch und Englisch. Zusätzlich bietet es einen speziell gestalteten Mediaplayer und ein Musikvideo zu ‘Another Stranger Me’. Die Doppel‑LP bietet exklusive Bonustracks wie ‘Market Square’ oder die Demoversion von ‘Straight Through The Mirror’. Besonders begehrt ist die auf 1.000 Stück limitierte Box mit Autogrammkarte, Siegel und Echtheitszertifikat.

Der Bonustrack ‘Dead Sound Of Misery’ ist eine alternative Version von ‘Fly’, die durch höhere Instrumentaltonlage, tieferen Gesang und veränderten Rhythmus eine deutlich düsterere Atmosphäre erzeugt. ‘Market Square’ wiederum zeigt die frühe Form von ‘Straight Through The Mirror’ und ist nur auf der Doppel‑LP und der Limited Book Version enthalten.

Erfolge und Rezeption

Nach Veröffentlichung stieg A TWIST IN THE MYTH auf Platz 4 der deutschen Charts ein. Es hielt sich sieben Wochen in den Top 100. In der Septemberausgabe des METAL HAMMER erreichte das Album den verdienten ersten Platz des Soundchecks. Dieser Erfolg zeigt, wie stark das Album trotz – oder gerade wegen – seiner stilistischen Veränderungen wahrgenommen wurde. Die anschließende Tournee führte Blind Guardian durch Europa, Nordamerika und Ostasien und endete am 10. November 2007 in Krefeld, der Heimatstadt der Band. 

Ein Werk über Wandel

A TWIST IN THE MYTH ist ein Album über Veränderung. Blind Guardian greifen abstrakte Themen wie die Bedeutung von Träumen und die Notwendigkeit von Entwicklung auf – Motive, die sich mit der eigenen Situation der Band spiegeln. Es ist ein Werk, das die Fan-Basis herausfordert, die Band neu positioniert und zeigt, wie viel Mut in musikalischer Weiterentwicklung steckt.


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Quelle: METAL HAMMER.de