„Wenn unser Zuhause brennt, ist niemand sicher.“

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Obwohl sich Dymna Lotva nicht als politisch bezeichnen, schaffen sie es, Menschen mit ihrer Botschaft zu erreichen. Das bleibt auch auf VYRAJ nicht ungenutzt. Der Song ­‘Ustan´ Za Mianie’, dessen Titel so viel heißt wie „Steh für mich ein“, richtet sich an die Außenwelt. Er ist eine verzweifelte und wütende Aufforderung an alle, die bei Ungerechtigkeit wegsehen. Nokt verweist auf die Redewendung: „Maya hata z krayu“ oder „Meine Hütte steht am Rand“, die man in Belarus nutzt, wenn man sich für etwas nicht verantwortlich fühlt. „Wir nennen diese Leute Hataskrainki. Sie glauben, sie sind sicher, weil sie stillhalten. Aber das stimmt einfach nicht“, sagt sie. „Wenn unser Zuhause brennt, ist niemand sicher.“

Heimweh

Im Lied beschreibt die Front­frau: „The world has gone mute / And watches in silence / As the living perish.“ Sie meint dabei nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch ihren einstigen Zufluchtsort, die Ukraine. In Irpin fand sie ein halbes Jahr Schutz, bis dort 2022 der russische Angriffskrieg losging. Nokt und Mikita entkamen dank hilfsbereiter Ukrainer nur knapp mit ihrem Leben (und Nokts Katze Beelzebub) nach Polen. Ganz im Sinne der mythologischen Seelenreise über die Milchstraße nach Vyraj spiegeln sich auch Sehnsucht, Heimweh und Trauer in den Lyrics wider. Die Lieder sind melancholisch und dennoch mitreißend. In ‘Niama Darohi’ klagt Nokt: „How many years / Have I been trying to reach home? / I will return!“ In Wahrheit weiß die Band nicht, ob sie je in ihre Heimat zurückkehren wird.

Die Sängerin erzählt: „Jeder Tag bringt uns weiter fort von Belarus.“ Das Land verändert sich: Menschen ziehen weg oder sterben, und einst vertraute Orte sind nicht mehr dieselben. „Wir wissen nicht, wie viel von dem Belarus übrig ist, an das wir uns erinnern. Aber wir glauben und hoffen, dass das Land frei sein wird – mit oder ohne uns“, sagt sie. Ihr Wunsch: Eine demokratische europäische Zukunft. Aus ihrem Exil in Polen kämpfen sie weiter. Dort fühlen sie sich wohl. Nokt witzelt: „Vielleicht sind wir ja schon in Vyraj? Wir sagen immer, dass Belarusen, die sich gut benehmen, nach ihrem Tod nach Polen kommen. Jetzt sind wir hier.“ Und wenn das Heimweh doch überhandnimmt, lohnt sich ein Blick gen Himmel, denn: „Egal, ob man zu Hause ist, im Gefängnis oder im Exil: Die Sterne sind immer dieselben“, meint die Sängerin.

„Dem Regime passt das nicht.“

Zwar haben sich Dymna Lotva längst in Warschau eingelebt (und dort ihren Schlagzeuger Wojciech ­„Bocian“ Muchowicz gefunden), aber dennoch lässt ihr Zuhause sie nicht los. Ihre Lieder sind weiter in dessen Geschichte, Kultur und Literatur gebettet. In ‘Bu Samoje’ geben Dymna Lotva beispielsweise den letzten der ‘Briefe von unter dem Galgen’ des polnisch-belarusischen Freiheitskämpfers und Dichters Kastus´ Kalinou˘ski wieder. ­Dieser wurde 1864 kurz nach dem Verfassen des Briefs in Wilna (Litauen) von russisch-zaristischen Kräften hingerichtet. Auch dieser Blick in die Vergangenheit ist eine weitere Form des Widerstands gegen die Diktatur Lukaschenkos. Jau˘hien meint: „Wir lassen uns von belarusischer Geschichte inspirieren und ­sprechen darüber. Dem Regime passt das nicht.“

Neues Verfahren

Im Juni hat der Ermittlungsausschuss des Bezirks Sovietsky in Minsk offiziell ein Verfahren gegen Katsiaryna „Nokt Aeon“ Mankevich eingeleitet, die im Exil in Polen lebt. Sie wurde vorgeladen, am 14. August zu einer Anhörung vor dem Stadtgericht Minsk zu erscheinen. Die Sängerin veröffentlichte folgende Stellungnahme: „Es wird behauptet, Metal im Allgemeinen und Black Metal im Besonderen seien zu harmlos und zahm geworden“, witzelt sie. „Na, dann haltet mir mal mein Bier, denn ich bin nun offiziell wegen fünf Paragraphen des belarussischen Strafgesetzbuchs angeklagt, darunter ‚extremistische Aktivitäten‘ und ‚Terrorismusfinanzierung‘. Das könnte für mich Strafen von bis zu zwölf Jahren Haft bedeuten.

Vielleicht will Lukaschenkos Regime den Metal wieder extrem machen? Aber gut, schwarzer Humor beiseite: Dieses Strafverfahren ist komplett aus der Luft gegriffen und politisch motiviert. Es steht eindeutig im Zusammenhang mit meiner Teilnahme an Protesten gegen das Regime und meiner Unterstützung für die Ukraine. Für mich fühlt es sich sogar irgendwie schmeichelhaft an, dass dieses Regime uns auch sechs Jahre nach den Protesten und fünf Jahre, nachdem ich gezwungen war, Weißrussland zu verlassen, immer noch im Auge behält.

„Richtiger Weg“

Das bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin, und gibt mir zudem eine starke Motivation, weiterzumachen. Bitte macht euch keine Sorgen um mich. Polen hat mir aufgrund dieser politischen Verfolgung internationalen Schutz gewährt. Infolge dieses Verfahrens könnte Weißrussland mein gesamtes noch im Land befindliches Vermögen beschlagnahmen. Mein Geld für das Musikmachen auszugeben, hat sich doch als großartige Idee herausgestellt. Und an den Ermittlungsausschuss des Bezirks Sowjetski in Minsk richte ich folgende Worte: ,Leckt mir meinen extremistischen Arsch!‘“

Die Strafanzeigen im Detail:

  • Artikel 289-1 Absatz 1 (Propaganda für Terrorismus): bis zu 3 Jahre Haft
  • Artikel 290-1 Absatz 1 (Finanzierung terroristischer Aktivitäten): bis zu 12 Jahre Haft
  • Artikel 361-4 Absätze 1 und 2 (Beihilfe zu extremistischen Aktivitäten): bis zu 7 Jahre Haft
  • Artikel 366-1 (Verbot von Gewalt oder Androhung von Gewalt, Zerstörung oder Sachbeschädigung gegen Lukaschenko): bis zu 8 Jahre Haft
  • Artikel 368 Absatz 1 (Beleidigung von Lukaschenko): bis zu 4 Jahre Haft

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Quelle: METAL HAMMER.de