Der Klang einer Band am Abgrund

Als Deftones am 31. Oktober 2006 ihr fünftes Studioalbum SATURDAY NIGHT WRIST veröffentlichten, stand die Band an einem Punkt, an dem längst nicht mehr selbstverständlich war, dass überhaupt noch ein Album erscheinen würde. Was heute oft als wichtiger Baustein der Diskografie gilt, entstand unter Bedingungen, die Sänger Chino Moreno später im Magazin Kerrang! als „eine ernsthaft ungesunde Erfahrung“ beschreiben sollte. Ausgerechnet eines der schwierigsten Kapitel der Band-Geschichte brachte jedoch ein Album hervor, über das bis heute gerne diskutiert wird.
Zwei Jahre Chaos
Der Weg zu SATURDAY NIGHT WRIST war alles andere als geradlinig. Nachdem das Band-betitelte Album von 2003 die Erwartungen von Label und Umfeld nicht erfüllt hatte, wurde die Band frühzeitig dazu angehalten, an neuer Musik zu arbeiten. Die Arbeiten begannen 2004 zunächst in Sacramento, ehe Deftones nach Malibu umzogen, um weiteres Material zu entwickeln. Im Lauf der Sessions entstand nach Aussage von Moreno genug Material für ein komplettes Album. Parallel suchte die Band nach dem passenden Produzenten und experimentierte mit verschiedenen Konstellationen.
Letztlich fiel die Wahl auf Bob Ezrin, dessen Name bereits mit Künstlern wie Pink Floyd, Alice Cooper oder Kiss verbunden war. Für die Deftones bedeutete dies zugleich das Ende einer Ära: SATURDAY NIGHT WRIST wurde das erste Album seit dem Debüt, das nicht mehr von Terry Date betreut wurde.
Persönliche Krisen prägen die Entstehung
Die eigentliche Geschichte des Albums spielt sich jedoch fernab der Studios ab. Während der Arbeiten kämpfte Chino Moreno mit Alkohol- und Drogenproblemen sowie dem Zerbrechen seiner langjährigen Ehe.
Die Belastungen wirkten sich unmittelbar auf den Schaffensprozess aus. Moreno unterbrach die Aufnahmen zeitweise, um sich seinem Nebenprojekt Team Sleep zu widmen. Innerhalb der Band verschärften sich die Spannungen, mehrere Aufnahme-Sessions wurden verworfen, und bereits eingesungene Gesangsspuren landeten schließlich komplett im Papierkorb. Der Fertigungsprozess zog sich über rund zwei Jahre hin. Moreno erinnerte sich später im Gespräch mit Kerrang! daran, dass sich die Arbeiten „ohne eine klare Richtung“ gestreckt hätten. Nach seiner zwischenzeitlichen Auszeit sei er sogar unsicher gewesen, ob er überhaupt zur Band zurückkehren würde.
Klare Spuren des Konflikts
Dass die schwierige Entstehung direkte Spuren im Material hinterließ, daraus machten die Beteiligten nie ein Geheimnis. Moreno erklärte später, dass mehrere Lieder unmittelbar mit seinen damaligen Lebensumständen verbunden waren. ‘Beware’ verstand er als Warnung vor jenen Dingen, die ihm selbst Probleme bereiteten: Sex, Drogen und Alkohol. Die Kommunikationsprobleme innerhalb der Band spiegelten sich in ‘Hole In The Earth’ wider. Das Stück ‘Kimdracula’ wiederum geht auf ein altes E-Mail-Pseudonym aus einer Phase intensiven Drogenkonsums zurück.
Auch der Albumtitel entstand aus dieser dunklen Lebensphase. Moreno bezog sich dabei auf Nervenschäden, die entstehen können, wenn betrunkene oder berauschte Menschen auf ihrem Arm einschlafen. Er beschrieb den Titel als Anspielung auf die Situation, „wenn man Samstagnachts alleine ist und sein einziger Freund dein Handgelenk schüttelt“.
Serj Tankian und andere prominente Gäste
Trotz aller Turbulenzen entstand ein Album mit einigen bemerkenswerten Gastbeiträgen. System Of A Down-Frontmann Serj Tankian ist in ‘Mein’ zu hören und wirkte zudem am Songwriting mit. Annie Hardy von Giant Drag steuerte ihre Stimme zu ‘Pink Cellphone’ bei. Auch innerhalb der Band waren die Verantwortlichkeiten ungewöhnlich verteilt. Chino Moreno schrieb und spielte an zahlreichen Gitarren-Parts mit, während Stephen Carpenter einzelne Lieder weitgehend eigenständig entwickelte.
Erfolgreicher als die Stimmung vermuten ließ
Der interne Zustand der Band ließ kaum vermuten, dass SATURDAY NIGHT WRIST nach seiner Veröffentlichung überwiegend positiv aufgenommen werden würde.
Das Album erreichte Platz 10 der US-Billboard-Charts. Die Vorab-Single ‘Hole In The Earth’ entwickelte sich zum zentralen Aushängeschild der Platte. Kritiker bewerteten das Werk überwiegend wohlwollend. Besonders häufig wurde in zeitgenössischen Kritiken hervorgehoben, dass die persönlichen Konflikte und Krisen der Band-Mitglieder dem Material eine besondere Intensität verliehen hätten.
Das letzte Dokument einer vergangenen Deftones-Ära
Rückblickend nimmt SATURDAY NIGHT WRIST innerhalb der Deftones-Diskografie eine Sonderstellung ein. Es war die letzte Veröffentlichung mit Bassist Chi Cheng, bevor dieser 2008 einen schweren Verkehrsunfall erlitt, infolgedessen ins Koma fiel und fünf Jahre später verstarb. Gleichzeitig war es das letzte Deftones-Album bei Maverick Records.
Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination dieser Platte. SATURDAY NIGHT WIRST dokumentiert eine Band, die während ihrer Entstehung beinahe an sich selbst zerbrach. Diese Momentaufnahme zeigt das Ende eines Kapitels, bewahrt aber zugleich die Deftones-typische kreative Eigenwilligkeit.
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Quelle: METAL HAMMER.de
















