Dieses Album zeigte ihren Mut zur Stille

Nicht jede Metal-Band kommt irgendwann auf die Idee, ihre Verstärker herunterzudrehen. Noch weniger schaffen es, dabei glaubwürdig zu bleiben. Borknagar gehörten 2006 zu den wenigen Ausnahmen. Mit ORIGIN, dem siebten Studioalbum der Norweger, wagte die Band einen radikalen Schritt: ein weitgehend akustisches Album, das die progressive und epische Seite ihres Klangs konsequenter denn je in den Mittelpunkt rückte.

Während viele Gruppen in den Nuller Jahren versuchten, ihren Klang durch mehr Härte oder größere Produktion aufzublasen, gingen Borknagar den umgekehrten Weg. Statt auf Wucht setzten sie auf Atmosphäre, Arrangements und musikalische Feinheiten.

Eine Idee, die jahrelang reifte

Die Entscheidung für ein Akustikalbum kam keineswegs aus heiterem Himmel. Bereits Jahre zuvor hatte sich innerhalb der Band die Vorstellung entwickelt, die melodischen und progressiven Elemente von Borknagar einmal vollständig ohne metallisches Fundament auszuleuchten.

Bandchef Øystein G. Brun erklärte bereits im Februar 2005: „Das nächste Borknagar-Album wird akustisch. Es basiert vollständig auf den epischen und progressiven Aspekten der Band.“ Weiter führte er aus: „Das ist etwas, was wir schon seit vielen Jahren machen wollten, und die Idee schwebt schon seit den Aufnahmen zu QUINTESSENCE (2000) und einigen privaten Sessions mit einem Flügel und einer Akustikgitarre in der Band herum.“ Damit formulierte Brun bereits exakt das, was später auf ORIGIN zu hören sein sollte: kein experimenteller Nebenweg, sondern eine lang geplante musikalische Reise.

Progressiver Metal ohne Metal?

Wer Borknagar ausschließlich über ihre Black Metal-Wurzeln definiert, dürfte beim ersten Durchlauf von ORIGIN irritiert gewesen sein. Die norwegische Formation, die 1995 von Øystein Brun gegründet wurde und sich früh vom klassischen Black Metal in Richtung progressiver und melodischer Klanglandschaften entwickelte, legte nahezu sämtliche elektrischen Sicherungen um.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ORIGIN ein Folk-Album geworden wäre. Die Songs tragen unverkennbar die Handschrift der Band. Philosophische und naturverbundene Themen bleiben ebenso erhalten wie die komplexen Kompositionen. Statt verzerrter Gitarren treten Akustikgitarren, Klavier, Hammondorgel, Flöten, Streicher und vielschichtige Gesangs-Arrangements in den Vordergrund. Es legt den musikalischen Kern von Borknagar vorsichtig frei.

Von ‘Earth Imagery’ bis ‘The Spirit Of Nature’

Die neun Stücke auf ORIGIN bringen es auf knapp 36 Minuten Spielzeit und folgen einer bemerkenswert geschlossenen Atmosphäre. Schon der Opener ‘Earth Imagery’ macht klar, dass die Band nicht auf Lagerfeuerromantik aus ist. Vielmehr entfalten die Songs eine fast meditative Weite, die perfekt zu den Natur- und Kosmosthemen passt, für die Borknagar seit jeher stehen. Besonders interessant fällt ‘Oceans Rise’ aus. Der Song ist eine akustische Neuinterpretation des gleichnamigen Stücks vom 1998 erschienenen Album THE ARCHAIC COURSE. Anstatt lediglich eine ältere Nummer neu aufzuwärmen, demonstriert die Band eindrucksvoll, wie gut ihre Kompositionen auch ohne metallische Schale funktionieren. Mit ‘White’ findet sich zudem der einzige Titel auf dem Album, der nicht von Øystein G. Brun geschrieben wurde, sondern aus der Feder von Lars A. Nedland stammt, der den Song auch selbst einsang.

Die perfekte Besetzung für das Experiment

Für ORIGIN griff die Band auf die Besetzung der vorherigen Veröffentlichung EPIC (2004) zurück. Bemerkenswert war dabei die Beteiligung von Bassist Jan Erik „Tyr“ Tiwaz, der nach seiner kurzzeitigen Trennung von der Band wieder mitwirkte. Neben den Kernmitgliedern Vintersorg, Øystein G. Brun, Lars A. Nedland und Asgeir Mickelson erweiterten mehrere Gastmusiker die Klangpalette. Violine, Cello sowie verschiedene Flöteninstrumente sorgen dafür, dass das Album deutlich größer wirkt, als es seine vergleichsweise kurze Laufzeit vermuten lässt.

Ein Album gegen jede Erwartung

Rückblickend war ORIGIN genau die Art von Veröffentlichung, die sich nur etablierte Bands leisten können. Statt Erwartungen zu bedienen, ignorierten Borknagar sie schlicht. Das Resultat war weder ein kommerzieller Kompromiss noch eine kalkulierte Kurskorrektur, sondern ein Album, das den Mut hatte, leise zu sein.

Gerade deshalb besitzt ORIGIN bis heute einen besonderen Platz in der Diskografie der Norweger. Das Album zeigte, dass die eigentliche Stärke von Borknagar nie allein in Black Metal-Wurzeln oder progressiver Virtuosität lag. Entscheidend war immer die Fähigkeit, große Ideen, Naturverbundenheit und musikalischen Anspruch in eigenständige Klangwelten zu übersetzen.

—
Bestens informiert über dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr außerdem mit unserem Newsletter. Einmal pro Woche flattert euch übersichtlich sortiert ein Update ins Postfach. Einfach anmelden, damit euch auch sicher nichts entgeht.

Tony Iommi über das Leben nach Black Sabbath, sein neues Album FROM THE DARK und sein Soloschaffen: Lest die große Titelgeschichte in der aktuellen METAL HAMMER-Ausgabe 11/2026! Jetzt am Kiosk, in unserem Online-Shop und günstig im Abo.



Quelle: METAL HAMMER.de