Das letzte Interview mit Sepultura

Ende 2023 haben Sepultura das Ende ihrer Karriere bekannt gegeben – jedoch nicht, ohne sich gebührend von ihren Fans zu verabschieden. Seither befinden sich Andreas Kisser und Co. auf ausgiebiger Abschiedstournee. Das finale Konzert findet am 7. November 2026 in São Paulo statt. Aus diesem Anlass graben wir unser Interview mit Sepultura zum Ende der Band wieder aus!
Ursprünglich und in voller Länge war das Interview in METAL HAMMER-Ausgabe 11/2024 erschienen. Im Vorfeld der großen Abschiedstournee würdigten wir das Schaffen der Formation um Paulo Xisto, Andreas Kisser und Derrick Green mit einer Titelgeschichte, unterhielten uns mit den beiden Letztgenannten und blickten analysierend auf die Sepultura-Diskografie zurück.
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Sepultura im Interview zum Ende der Band
Von Tränen und Abschiedsschmerz keine Spur: SEPULTURA kündigten das Ende ihrer Band an – und feiern dieses Ereignis mit einer großen Tournee durch die ganze Welt. Im Interview äußern sich Gitarrist ANDREAS KISSER und Frontmann DERRICK GREEN zu persönlichen Schicksalsschlägen, zum ersten Live-Album der Band-Geschichte, dem Abgang von Eloy Casagrande in Richtung Slipknot und einem möglichen letzten Auftritt mit den Cavalera-Brüdern.
METAL HAMMER: Was ist das für ein Gefühl, jeden Tag aufzuwachen und zu wissen, dass die lange Karriere von Sepultura zu Ende gehen wird?
Andreas Kisser: Nun ja, das ist das Leben. Früher oder später kommt alles zu einem Ende: ein Buch, ein Song, ein Album … Meine Frau ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben, durch die Geschichte mit ihrer Chemotherapie gehe ich mit dem Begriff „Ende“ beziehungsweise „Tod“ ganz anders um. Warum haben die Leute vor etwas Angst, das ohnehin passieren wird? Natürlich schließt sich in so einem Fall eine riesige Tür, aber zugleich öffnen sich zehn andere. Man muss in so einer Situation zu sich selbst und wieder einen Wert im Leben finden. Bezüglich Sepultura: Es war eine rationale Entscheidung, aber zugleich sehr emotional. Vor zwei Jahren haben wir begonnen darüber nachzudenken, alles abzuwägen und viele Gespräche geführt. Wie viel Sepultura den Fans auf der ganzen Welt bedeuten, ist unglaublich. Wir sind im Lauf der Jahre ein Teil ihres Lebens geworden. Es gibt uns seit 40 Jahren, wir haben in 80 Ländern gespielt, unser letztes Album QUADRA (2020) war fantastisch, wir haben die Pandemie als Band überlebt – das ist jetzt ein guter Punkt, um einen Schlussstrich zu ziehen. Es fühlt sich richtig an. Wir verbringen eine gute Zeit miteinander. Ich bin froh, dass wir das alles so genießen können.
„Dass wir das Ende von Sepultura selbst bestimmen können, fühlt sich gut an.“
Derrick Green: Definitiv. Es liegen noch viele großartige Shows vor uns. Ich hatte noch gar nicht richtig Gelegenheit, über den Schluss nachzudenken, weil so viel zu tun ist. Dass wir das Ende von Sepultura selbst bestimmen können, fühlt sich gut an. Unsere Historie ist wundervoll, das ist nicht vielen Bands vergönnt. Wir gehen auf hohem Niveau.
Was waren die Hauptgründe dafür, Sepultura aufzulösen?
Andreas: Es geht ja nicht nur um die Band – wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Vielleicht nehmen sich einige von uns eine Auszeit oder hören ganz auf, vielleicht kommen manche wieder … Aber das spielt jetzt gerade auch überhaupt keine Rolle. Es ist Zeit zu feiern. Wir schneiden auf der aktuellen Tournee ein Live-Album mit, das fehlt in unserer Geschichte noch. Dafür nehmen wir 40 Songs in 40 verschiedenen Ländern auf. Außerdem arbeiten wir aktuell noch an einer neuen EP, welche der Live-Scheibe beiliegen wird, ähnlich wie ALIVE II (1977) von Kiss. Dafür versuchen wir gerade, eine echte Ballade zu komponieren – das ist uns bisher noch nie geglückt! (lacht)
Gab es Diskussionen zwischen den Band-Mitgliedern zu dieser Entscheidung?
Derrick: Ja, aber als mich Andreas vor etwa zwei Jahren das erste Mal darauf ansprach, hat es sofort Sinn für mich ergeben. Es gibt viele Beispiele, in denen sich Musiker irgendwann nicht mehr untereinander verstehen und die Band auflösen. Bei uns ist es genau umgekehrt. Diese Entscheidung hat uns noch mal einen neuen Schub gegeben.
Wie hat sich der Ausstieg von eurem Drummer Eloy Casagrande kurz vor Tourneebeginn in Richtung Slipknot ausgewirkt
Andreas: Das hatte sowohl künstlerische als auch emotionale Auswirkungen. Die Art und Weise, wie Eloy uns verlassen hat, war schon seltsam … Es kam für uns total überraschend. Wie gesagt haben wir miteinander zwei Jahre lang diese Abschiedstournee geplant. Eloy war in alle Gespräche involviert – und berief dann Anfang Februar ein Meeting ein, in dem er seinen Ausstieg und den Wechsel zu Slipknot verkündete. Zwei Tage zuvor hatten wir noch gemeinsam die Setlist für das nächste Konzert erstellt.
Derrick: Am Anfang war das ein Schock. Andreas’ Sohn hatte die fantastische Idee, Greyson Nekrutman als Ersatz zu verpflichten. Ich hatte ihn ein paar Monate zuvor bei Suicidal Tendencies spielen sehen. Sepultura mussten viele Wechsel überstehen, und letztendlich hat uns auch diese Erfahrung enger zusammengebracht. Aus heutiger Sicht scheint es fast wie Schicksal. Es musste so passieren.
(…)
Was sollen die Fans von dieser Abschiedstournee mitnehmen?
Andreas: Es ist immer wieder beeindruckend, backstage die Geschichten unserer Fans zu hören, was Sepultura in ihrem Leben bedeuten et cetera. Der erste Auftritt mit Greyson in unserer Heimatstadt Belo Horizonte hat uns neue Motivation und Energie verliehen. Es fühlt sich gut an, dass Sepultura auch nach 40 Jahren noch relevant sind. Wir wollten mit unserer Musik immer eine Botschaft rüberbringen. Das ist uns gelungen. Wir haben das Leben vieler Menschen verändert – inklusive unserer eigenen. Das ist das Großartige an Kunst und Musik: Wir lernen immer noch und haben versucht, uns nicht zu wiederholen. Das hat sich seit der Gründung der Band nicht geändert.
(…)
Auf welche Momente eurer Karriere seid ihr am meisten stolz?
Andreas: Ich schaue grundsätzlich nicht zurück. Ich lebe im Hier und Jetzt. Außerdem spielt einem das Gedächtnis auch manchmal einen Streich. Es passiert ziemlich oft, dass wir Ereignisse und Jahreszahlen aus unserer Geschichte komplett falsch zuordnen.
Derrick: Ich habe in meiner Zeit bei Sepultura extrem viel gelernt. All diese Erfahrungen haben zu diesem großartigen Moment geführt, und die Shows sind meinem Gefühl nach die besten, die wir je gespielt haben. Speziell die älteren Nummern machen richtig Laune. Ich fühle mich aktuell ein bisschen wie der Highlander, der im Lauf des Films immer mehr Energie ansammelt. (lacht)
Wie würdet ihr die Entwicklung des Sounds von Sepultura im Lauf der Jahre beschreiben?
Andreas: Wir haben immer wieder neue Dinge probiert und eingebaut. Es gab stets neue Inspirationen, sei es durch neue Band-Mitglieder oder Produzenten, die uns dazu ermutigt haben, Grenzen zu durchbrechen. Man lernt immer dazu.
Derrick: Bei uns wussten die Fans nie genau, was sie auf dem nächsten Album musikalisch erwartet. Wir hatten nie Angst, uns auszuprobieren. Greyson bringt beispielsweise eine Menge Jazz-Einflüsse ein. Das ist toll, weil das ein Element ist, das Sepultura bislang noch nie angewandt haben.
Wie hat sich der wachsende Erfolg von Sepultura auf eure Privatleben ausgewirkt?
Andreas: Da solltest du lieber die Menschen um uns herum fragen … (lacht) Ich glaube, dass sich die Art und Weise, wie wir Musik sehen, mit wie viel Hingabe wir an neuen Ideen arbeiten und mit wie viel Respekt wir unseren Fans begegnen, überhaupt nicht geändert hat. Unsere Familien waren in den Neunziger Jahren sehr wichtig, als sich nach CHAOS A.D. (1993) und ROOTS (1996) schnell Geld und Erfolg einstellten. Wenn man von einer Tournee nach Hause kommt, besteht die Gefahr, dass man an seinen eigenen Mythos glaubt. Zu Hause gibt es aber keinen roten Teppich, sondern den absoluten Realitäts-Check und schmutzige Teller, die abgewaschen werden müssen. Oder man muss sein Kind zur Schule bringen, Rechnungen bezahlen, Brot kaufen. All diese Sachen waren wichtig für mich, um nicht den Kontakt zu meinen Wurzeln zu verlieren. Ich bin noch immer das Kind aus der Garage, das seinen Traum lebt. Für mich ist es ein Privileg, Teil von Sepultura zu sein, die Welt bereisen zu dürfen, neue Sprachen und Freunde kennenzulernen.
„Wir waren nie Sklaven irgendwelcher Klischees.“
Euer letztes Album QUADRA hat die höchste Chart-Platzierung aller Zeiten in Deutschland erreicht. Was glaubst du, war der Schlüssel zu Sepulturas Langlebigkeit?
Derrick: Wir haben nie versucht, irgendetwas zu sein, das wir nicht sind. Auch wenn die Leute uns in Schubladen gesteckt haben. Das kann man mit Musik nicht machen – Musik ist unkontrollierbar. Das ist das Schöne und hat uns immer angezogen.
Andreas: Wir waren nie Sklaven irgendwelcher Klischees. Die besten Musiker der Geschichte, David Bowie, Led Zeppelin oder Queen, haben sich immer wieder neu erfunden. Ich bin jeden Morgen ein neuer Andreas Kisser. An einem Tag lässt sich alles ändern – nicht nur im Leben, sondern auch in der Kunst und Musik. Diese Erkenntnis ist aufregend und zugleich auch ein wenig angsteinflößend. Wir haben uns nie zu sehr mit der Vergangenheit verbunden gefühlt. Bei AC/DC und den Ramones war das anders. Das funktionierte bei diesen Bands fantastisch, hätte aber zu Sepultura nicht gepasst.
War die Trennung von Max 1996 der kritischste Moment in eurer Geschichte?
Andreas: Aus der Sicht eines Außenstehenden auf jeden Fall. Wir haben damals, auf dem Gipfel unserer Karriere, aber nicht nur unseren Frontmann verloren, sondern auch unser Management und das Vertrauen unserer Plattenfirma. Das Geld kam zu schnell, die Egos wurden zu groß. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Ich wurde damals für vieles verantwortlich gemacht. Es war eine kritische Phase. Wir dachten darüber nach, den Namen zu ändern, komplett von vorne anzufangen oder mich als Frontmann zu installieren. Zum Glück stieß Derrick 1998 hinzu. Das alles wieder aufzubauen, war ein Lernprozess. Damals wurden aus Jungs Männer.
Igor verließ die Band im Jahr 2006. War das noch schmerzhafter als die Trennung von Max?
Andreas: Nein, weil wir eher darauf vorbereitet waren. Man spürte schon, dass etwas nicht stimmte. Igor ging durch eine Scheidung et cetera. Es ist nie schön, ein Band-Mitglied zu verlieren.
(…)
Du bist in riesige Fußstapfen getreten, Derrick. Wie bist du diese Aufgabe angegangen?
Derrick: Für mich war das damals ein Traum, Teil dieser Band zu werden und umgeben von Leuten zu sein, die nicht nur hochprofessionell arbeiten, sondern auch lieben, was sie tun. Wir haben alle an einem Strang gezogen. Mit ihrer Vorgeschichte habe ich mich gar nicht so sehr befasst, ich versuchte einfach nur, in jedem Moment das Beste zu geben. Bei den ersten Proben in Brasilien wollten die Jungs auch gar kein altes Material mit mir proben, sondern nur die neuen Nummern von AGAINST (1998). Trotzdem gab es natürlich gewisse Ängste, die es zu überwinden galt. Ich musste meine Komfortzone verlassen. Als ich nach New York zurückkam, fühlte sich alles unwirklich an.
Was andere Leute gesagt haben, interessierte mich nicht. Es war nicht ihr Leben, sondern unseres. Wir mussten raus auf die Bühne gehen. Wir mussten Leistung bringen. Wir hatten die Gelegenheit, mit Motörhead auf Tour zu gehen und für Metallica in Südamerika zu eröffnen. Jason Newsted hat mich zur damaligen Zeit sehr unterstützt, weil er nachempfinden konnte, wie es ist, als Neuling in eine bekannte Band zu kommen. Dasselbe gilt für Scott Ian, der bei unserer ersten Show im Moshpit auftauchte.
Welches ist das wichtigste Album in der Geschichte von Sepultura?
Andreas: AGAINST – aus all den Gründen, die wir gerade besprochen haben. Das war das ausschlaggebende Album dafür, dass Sepultura relevant blieben.
Derrick: Da stimme ich zu. AGAINST war der „Make it or break it“-Moment in unserer Laufbahn. Alle Augen waren auf uns gerichtet, und wir haben die Herausforderung bestanden.
Der Stilwechsel von ARISE (1993) zu CHAOS A.D. erwies sich als erfolgreich – war er auch ein Risiko?
Andreas: Ja, auf jeden Fall. Risiko ist immer gegenwärtig, wenn man etwas Neues versucht. Ich liebe den Satz des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos: „Ich messe meinen Erfolg an den Buhrufen, die ich am Abend bekomme.“ Seine Rhythmen und Melodien waren sehr originell. Auch ein Mann wie Strawinsky musste da durch. Das waren Revolutionäre, und in gewisser Weise haben wir die Tür für andere brasilianische Metal-Bands geöffnet. Ich denke aber, dass ROOTS sogar noch risikoreicher für uns war – dieses Album hat anfangs keiner verstanden, weder die Fans noch das Label. Wir haben auch in unserer Heimat viel Kritik kassiert, weil wir traditionelle brasilianische Musik eingebaut haben. Die Arbeit mit Produzent Ross Robinson war auch außergewöhnlich, ein total spiritueller Typ, der eher auf dem Mars als der Erde unterwegs ist – eine Zusammenarbeit mit ihm ist aus meiner Sicht ein absolutes Muss für jeden Musiker! Aus heutiger Perspektive ist ROOTS ein ikonisches Album, aber kurz nach der Veröffentlichung hatten wir eine harte Zeit.
„In diesem Sinne gibt es keine Scheibe von uns, die schlecht war.“
Gibt es irgendetwas, das du in Sepulturas Karriere gerne anders gemacht hättest?
Andreas: Überhaupt nicht. Ich möchte nur ungern irgendwelche Monster aus meiner Vergangenheit heraufbeschwören. Ich bin ja heute hier, weil ich all diese Fehler gemacht habe, auch geschäftlich. Auch da lernen wir noch täglich dazu. Wenn ich alles über das Leben wüsste, wäre es langweilig. All unsere Alben waren wichtig für unsere Entwicklung, in diesem Sinne gibt es keine Scheibe von uns, die schlecht war.
Wie haben sich eure persönlichen Beziehungen innerhalb der Band im Lauf der Jahre verändert?
Andreas: Wir begegnen uns mit viel Respekt und unterstützen uns gegenseitig. Seitdem wir mit dem Alkohol aufgehört haben, haben wir viel mehr Energie auf der Bühne. Das hätte ich schon viel früher machen sollen … Es ist schön, sich an den Vorabend erinnern zu können. Es gibt keine verdammten Kater oder besoffene Streitereien wie früher. Das erzeugt nur Feindseligkeiten und schlechte Vibes. Derrick ist immer positiv und ein toller Kerl. Wir waren alle so dankbar, als er in die Band gekommen ist und uns neuen Schwung gegeben hat.
Was war der bedeutendste Beitrag von Sepultura zum Metal-Genre?
Derrick: Furchtlosigkeit. Wir haben und hatten keine Angst davor, zu uns selbst zu stehen und unsere Persönlichkeit zu umarmen und sie in die Musik einfließen zu lassen.
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Quelle: METAL HAMMER.de
















